Edersee fast leer – Niedrigwasser bringt auch die Weser an ihre Grenzen
Pegel in Höxter auf 70 Zentimeter gesunken – Freiliegende Felsblöcke prägen das Bild an der Boffzener Promenade
Waldeck/Höxter/Boffzen. Die anhaltende Trockenheit verändert das Bild der Weser immer deutlicher. Am Pegel Höxter wurde am Sonntag, 26.07.2026, nur noch ein Wasserstand von rund 70 Zentimetern gemessen. An vielen Stellen treten bereits breite Kies- und Sandbänke hervor. Auch an der Weserpromenade in Boffzen zeigt sich die Entwicklung eindrucksvoll: Große Felsblöcke, die normalerweise unter der Wasseroberfläche verborgen liegen, ragen wieder aus dem Fluss heraus oder liegen bereits vollständig trocken. Von vielen Boffzenern werden sie als Hungersteine bezeichnet – sichtbare Zeugen außergewöhnlicher Niedrigwasserperioden.
Ursache für die niedrigen Wasserstände liegt unter anderem rund 120 Kilometer flussaufwärts. Der Edersee in Nordhessen, dessen Wasser über die Eder und Fulda schließlich die Weser erreicht, hat einen kritischen Tiefstand erreicht. Nach aktuellen Messdaten vom Sonntag ist Deutschlands drittgrößte Talsperre nur noch zu 19,49 Prozent gefüllt. Im Speicher befinden sich lediglich noch 38,89 Millionen Kubikmeter Wasser – weniger als ein Fünftel des maximalen Fassungsvermögens von knapp 200 Millionen Kubikmetern.
Mehr als 100 Jahre Lebensader für die Weser
Die Edertalsperre wurde zwischen 1908 und 1914 errichtet. Mit ihrer rund 48 Meter hohen Sperrmauer staut sie die Eder zu einem der größten Stauseen Deutschlands auf. Neben dem Hochwasserschutz und der Stromerzeugung erfüllt sie bis heute eine entscheidende Aufgabe für die Wasserwirtschaft. In niederschlagsarmen Zeiten wird Wasser kontrolliert in die Eder abgegeben. Über Fulda und Weser gelangt es bis in das norddeutsche Wasserstraßennetz und sorgt dafür, dass die Oberweser auch in trockenen Sommern ausreichend Wasser führt. Fachleute gehen davon aus, dass in extremen Trockenperioden zeitweise bis zur Hälfte des Wassers der Oberweser aus der Edertalsperre stammt.
Doch genau dieses System stößt derzeit an seine Grenzen. Weil der Speicherinhalt unter 40 Millionen Kubikmeter gefallen ist, darf nach den Vorgaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung nur noch die gesetzlich vorgeschriebene Mindestwassermenge von sechs Kubikmetern pro Sekunde abgegeben werden. Eine wirksame Stützung der Oberweser ist damit derzeit kaum noch möglich.
Auswirkungen entlang der Oberweser
Die Folgen sind entlang der gesamten Oberweser spürbar. Die geringe Wassertiefe erschwert die Bedingungen für die Fahrgast- und Güterschifffahrt. Schiffe müssen ihre Beladung anpassen oder Fahrten einschränken. Auch Fährverbindungen können bei weiter sinkenden Pegelständen beeinträchtigt werden.
Für Spaziergänger bietet sich dagegen ein ungewöhnlicher Anblick. Wo sonst das Wasser fließt, liegen heute Kiesflächen und freigelegte Felsformationen. Besonders an der Boffzener Weserpromenade fallen die aus dem Wasser ragenden Steine ins Auge. Sie verdeutlichen, wie weit sich der Fluss in den vergangenen Wochen zurückgezogen hat. Solche freiliegenden Felsblöcke galten früher vielerorts als Zeichen außergewöhnlicher Trockenheit und wurden im Volksmund häufig als Hungersteine bezeichnet.
Tourismus am Edersee leidet
Während sich die Folgen an der Weser vor allem in sinkenden Pegelständen zeigen, kämpft die Tourismusregion Edersee mitten in der Ferienzeit mit erheblichen Problemen. Wassersport ist vielerorts nur noch in unmittelbarer Nähe der Staumauer möglich. Segelvereine, Bootsverleiher und Ausflugsbetriebe verzeichnen deutliche Einschränkungen. Auch Hotels und Gastronomiebetriebe berichten von rückläufigen Umsätzen.
Zwar lockt der niedrige Wasserstand zahlreiche Besucher an, weil die Überreste der früheren Dörfer Asel, Berich und Alt-Bringhausen – das sogenannte „Edersee-Atlantis“ – wieder sichtbar geworden sind. Nach Einschätzung der Tourismusverantwortlichen kann dieses Interesse die Einbußen im Wassersport jedoch nicht ausgleichen.
Regen dringend benötigt
Nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung sind die Niederschläge im Einzugsgebiet von Eder, Fulda und Werra seit Wochen zu gering. Die Zuflüsse reichen derzeit nicht aus, um den Wasserverlust der Talsperre auszugleichen. Erst ergiebige und länger anhaltende Niederschläge könnten die Situation nachhaltig entspannen.
Bis dahin dürfte das Niedrigwasser die Menschen entlang der Weser weiter begleiten. Was sich derzeit am Edersee abspielt, wird wenige Tage später auch zwischen Hann. Münden, Höxter, Boffzen und Hameln sichtbar – und erinnert daran, wie eng die gesamte Region mit der Edertalsperre verbunden ist.








