Das Landjahrlager Boffzen im Schatten der nationalsozialistischen Jugendpolitik
Wie Boffzen ab 1935 Teil eines reichsweiten Erziehungs- und Arbeitsprogramms wurde
Als 1938 in Boffzen ein eigenes Landjahrlager errichtet wurde, war der Ort längst Teil eines reichsweiten Systems nationalsozialistischer Jugendpolitik. Bereits mehrere Jahre zuvor waren Jugendliche im Rahmen des sogenannten Landjahres im Weserdorf untergebracht worden.
Die Geschichte des Landjahres in Boffzen beginnt bereits 1935 – zunächst noch in einem bestehenden Gebäude am Hoppenberg.
Erste Unterbringung in der Villa Noelle
Ab 1935 richtete die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung in der Villa Noelle am Hoppenberg eine Unterkunft für Jugendliche ein. Anfangs waren dort Jungen untergebracht, in den Jahren 1936 und 1937 anschließend Mädchen.
Die Jugendlichen arbeiteten während ihres Aufenthalts überwiegend in der Landwirtschaft der Umgebung. Gleichzeitig gehörte die nationalsozialistische Lagererziehung zum festen Bestandteil des Alltags.
Damit gehörte Boffzen früh zu den Orten, die in das reichsweite Landjahrprogramm eingebunden wurden. Wie vielerorts griff die Organisation zunächst auf bestehende Gebäude zurück, bevor später eigene Lagerbauten entstanden.
Das Landjahr als Instrument nationalsozialistischer Erziehung
Das sogenannte Landjahr wurde 1934 zunächst probeweise eingeführt und bereits ein Jahr später gesetzlich dauerhaft verankert. Organisiert wurde es durch das Reichserziehungsministerium und galt als eine Art zusätzliches Schuljahr.
Der Aufenthalt dauerte meist acht bis neun Monate und erfolgte streng getrennt nach Jungen und Mädchen. Zielgruppe waren vor allem 14- bis 15-jährige Volksschulabsolventen aus Großstädten, die nach der Schule noch keine Lehrstelle gefunden hatten. Formal galt die Teilnahme als Teil der Schulpflicht.
Über die Aufnahme entschieden staatliche Kommissionen. Nach der Ideologie des NS-Staates kamen dabei nur Jugendliche infrage, die als „körperlich und geistig erbbiologisch gesund“ sowie als „deutscher Nationalität und arischer Abstammung“ galten.
Zwischen 1934 und 1945 durchliefen rund 350.000 Jugendliche dieses Programm. Während die Teilnehmerzahlen zunächst anstiegen, gingen sie während des Zweiten Weltkrieges wieder deutlich zurück.
Offiziell sollte das Landjahr Jugendliche an die Landwirtschaft heranführen und der Jugendarbeitslosigkeit entgegenwirken. Tatsächlich diente das System jedoch vor allem der ideologischen Prägung im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung. Im Mittelpunkt stand die sogenannte „Blut-und-Boden“-Ideologie – die propagierte Verbindung zwischen Volk, Heimat und Landwirtschaft.
Neubau des Lagergebäudes 1938
Die Unterbringung in der Villa Noelle blieb eine Übergangslösung. Mit dem Ausbau des Systems entstand 1938 in Boffzen ein eigenes Lagergebäude.
Aus der Bauakte geht hervor, dass das Kreisgemeindebauamt Holzminden am 24. Mai 1938 beantragte, auf dem Grundstück Heinrich-Ohm-Straße 21 ein Landjahrlager für 80 Mädchen zu errichten. Dem Antrag war ein Bauplan im Maßstab 1:50 beigefügt.
Das Gebäude entstand im schlichten Fachwerkstil und orientierte sich an der regionalen Bauweise des Weserberglandes. Solche funktionalen Gebäude waren typisch für diese Einrichtungen. Sie sollten kostengünstig sein und zugleich bewusst ländliche Tradition vermitteln.
Interessant ist dabei ein Hinweis in den Bauunterlagen: Für die Errichtung des Gebäudes wurden 3,65 Tonnen Eisen benötigt. Dass selbst für ein vergleichsweise kleines Bauprojekt der Materialbedarf exakt angegeben werden musste, hing mit der wirtschaftspolitischen Lage des Deutschen Reiches zusammen.
Rohstoffkontrolle im Zeichen der Aufrüstung
Seit 1936 verfolgte das NS-Regime mit dem von Adolf Hitler verkündeten Vierjahresplan das Ziel, Deutschland innerhalb weniger Jahre wirtschaftlich kriegsfähig zu machen. Unter der Leitung von Hermann Göring wurden wichtige Rohstoffe wie Eisen und Stahl streng staatlich kontrolliert.
Auch kleinere Bauvorhaben unterlagen deshalb bereits der Rohstoffbewirtschaftung. Die Erwähnung des Eisenbedarfs in der Boffzener Bauakte zeigt, dass selbst dieses Projekt bereits unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik geplant wurde.
Vermutlich wurde das Gebäude noch 1938 fertiggestellt und im Oktober desselben Jahres in Betrieb genommen.
Erste Hinweise auf den Lagerbetrieb
Ein früher Zeitungsbeleg für den Betrieb der Einrichtung findet sich im „Generalanzeiger“ vom 7. April 1939 unter der Überschrift „Das Landjahr beginnt“.
Darin wird berichtet, dass zahlreiche Jugendliche aus Duisburg in verschiedene Lager entsandt werden sollten. Während die Jungen überwiegend nach Schleswig-Holstein kamen, wurden die Mädchen unter anderem nach Boffzen geschickt.
Der Aufenthalt sollte rund acht Monate dauern. Die Jugendlichen reisten im Frühjahr an und kehrten kurz vor Weihnachten wieder in ihre Heimatorte zurück.
Alltag zwischen Arbeit und Ideologie
Fotografien aus jener Zeit vermitteln heute einen Eindruck vom Alltag im Boffzener Landjahrlager. Die Schlafräume waren schlicht eingerichtet. In jedem Zimmer standen sechs Betten, davor jeweils ein hölzerner Hocker als Sitzgelegenheit und Ablage.
Weitere Aufnahmen zeigen die Mädchen bei einem Gruppenfoto mit Angehörigen der Wehrmacht vor dem Gebäude.
Der Tagesablauf war streng geregelt. Neben der landwirtschaftlichen Arbeit gehörten Appelle, Sport, Geländespiele, gemeinsames Singen, Fahrten und politische Schulungen zum festen Programm der Lagererziehung.
Verbindung zum Ruhrgebiet blieb bestehen
Auch während des Zweiten Weltkrieges blieb die Verbindung zwischen den Städten des Ruhrgebiets und dem Landjahrlager Boffzen bestehen.
Ein Bericht des „Stadtanzeigers Castrop-Rauxel und Umgebung“ vom 16. April 1943 schildert eine Informationsveranstaltung für Eltern und Jugendliche, deren Töchter nach Boffzen geschickt werden sollten.
Unter der Überschrift „Die erste Tuchfühlung mit dem Landjahrlager Boffzen“ wird berichtet, dass die Leiterin Elisabeth Luther und die Gruppenführerin Liesel Rießl aus Boffzen nach Castrop-Rauxel gereist waren, um dort über das Lagerleben zu informieren.
Ein weiterer Zeitungsartikel vom 23. August 1943 kündigte ein Elterntreffen in Boffzen an, bei dem Familien aus Castrop-Rauxel ihre Töchter im Weserbergland besuchen konnten.
Vom Landjahrlager zum Verwaltungs- und Polizeistandort
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete auch die Nutzung des Gebäudes als Landjahrlager. Wie viele größere Gebäude in der Region diente es zunächst der Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen.
In den folgenden Jahren wurde das Haus zu einem Altenheim umfunktioniert. Später zogen zudem Teile der Gemeindeverwaltung in das Gebäude ein. Dabei entstand auch ein Sitzungssaal für den Rat der Gemeinde. Parallel dazu wurden innerhalb des Hauses Wohnungen eingerichtet.
Der seitliche Anbau, der ursprünglich als Speise- und Aufenthaltsraum der Landjahrmädchen genutzt worden war, wurde später zur Bücherei umgebaut. Heute dient dieser Bereich als Archiv der Samtgemeinde Boffzen.
Die früheren Wohnungen im Gebäude werden inzwischen als Lagerräume und Dienstzimmer der Samtgemeinde und der Polizeistation genutzt. Heute befinden sich in dem historischen Gebäude das Einwohnermeldeamt, das Ordnungsamt, die Bauverwaltung sowie die Polizeistation Boffzen und das Archiv der Samtgemeinde Boffzen. Damit spiegelt das inzwischen rund 88 Jahre alte Gebäude ein bedeutendes Stück Ortsgeschichte wider – von der nationalsozialistischen Jugendpolitik über die Nachkriegszeit bis hin zur heutigen Nutzung als Verwaltungs-, Polizei- und Archivstandort





