Mit dem Oldtimer durch den Hafer
Helmut Kohlstedt ist mit seinem FAHR M 1200 aufgewachsen – heute bringt er mit dem historischen Mähdrescher noch immer die Ernte ein.
30 Grad Celsius, über dem reifen Hafer flimmert die Luft. Als Helmut Kohlstedt den Sechszylinder seines FAHR M 1200 startet, erwacht ein Stück Landtechnikgeschichte zum Leben, der historische Mähdrescher zieht seine erste Bahn durch das Feld.
Zwischen Fahrer und sommerlicher Hitze liegt keine Kabine, vor dem offenen Fahrerstand dreht sich die große Haspel, darunter verschwindet der Hafer im 3,75 Meter breiten Mähwerk. Mit jedem Meter wirbelt neuer Staub auf. Spreu und feinster Schmutz ziehen über den Fahrer hinweg, legen sich auf Kleidung und Haut und dringen in jede Ritze. Schatten gibt es hier nicht.
Wer einige Runden mitfährt, bekommt schnell eine Vorstellung davon, wie körperlich die Getreideernte früher gewesen sein muss. Für den 60-Jährigen am Steuer ist das nichts Neues. Er kennt diese Bedingungen seit seiner Kindheit.
Schon als kleiner Junge mit auf dem Drescher
Wenn sein Vater früher zum Dreschen auf die Felder fuhr, war Helmut regelmäßig dabei. Als kleiner Junge saß er neben ihm auf dem Mähdrescher und beobachtete, wie sich die Maschine Bahn für Bahn durch das Getreide frass.
Die Erntetage waren lang. Wenn Wetter und Feuchtigkeit des Getreides passten, wurde die Zeit genutzt. Rund 16 Stunden, erinnert sich der heute 60-Jährige, konnte der Mähdrescher mit einer Tankfüllung arbeiten. Erst dann musste Diesel nachgefüllt werden.
Nicht selten endete die Arbeit erst in der Nacht. Und dann sah man den Menschen an, was sie hinter sich hatten. Staub, Spreu und Schweiß hatten sich auf der Haut zu einer dunklen Schicht verbunden. Gesicht, Arme und alle anderen unbedeckten Körperstellen seien am Ende eines solchen Tages manchmal „schwarz wie die Nacht“ gewesen.
Dann half nur noch ausgiebig duschen, schlafen – und wenn am nächsten Tag das Wetter mitspielte, ging es wieder hinaus.
Heute sitzt der Sohn am Steuer
Viele Jahre sind seit diesen Erlebnissen vergangen. Aus dem kleinen Jungen neben seinem Vater wurde ein Kfz-Mechaniker, der heute selbst Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt. Geblieben ist der alte FAHR.
Inzwischen sitzt der Sohn selbst am Steuer. Nach all den Jahren kennt er den Klang und die Eigenheiten der Maschine. Wenn sich ein Geräusch verändert oder etwas nicht richtig funktioniert, weiß er meist, wo er suchen muss. An seinem M 1200, sagt er, kenne er praktisch jede Schraube
Das ist bei einer historischen Maschine, die nächstes Jahr 55 Jahre alt wird, ein großer Vorteil. Elektronische Steuergeräte oder Diagnosecomputer gibt es nicht. Mechanik bestimmt die Arbeit. Riemen, Ketten, Wellen und Lager müssen funktionieren – und wenn sie es nicht tun, braucht es technisches Verständnis und Erfahrung. Beides bringt der gelernte Kfz-Mechaniker mit.
Sechs Zylinder, 110 PS und 3,75 Meter Arbeitsbreite
Wie stattlich der M 1200 zu seiner Zeit war, zeigt ein Blick in einen Originalprospekt der Maschinenfabrik FAHR. Ein luftgekühlter Sechszylinder-Dieselmotor von Deutz mit 110 PS treibt die Maschine an. Kohlstedts Drescher arbeitet mit einem 3,75 Meter breiten Mähwerk.
Rund 6,2 Tonnen bringt der M 1200 auf die Waage, in seinen Korntank passen 3.000 Liter. Mehr als 20 Kilometer pro Stunde schafft er nicht. Für seine Zeit war der Mähdrescher dennoch eine leistungsfähige Erntemaschine.
Ein Detail aus dem historischen Prospekt zeigt zugleich, dass Komfort auch damals schon ein Thema war: Eine Fahrerkabine konnte als Zusatzausrüstung bestellt werden. Kohlstedts Maschine besitzt sie nicht. Hier erlebt der Fahrer Hitze, Staub und Motorengeräusch unmittelbar.
Noch immer rund 30 Hektar im Jahr
Ein Museumsstück ist der FAHR bis heute nicht. Rund 30 Hektar Getreide drischt der Nebenerwerbslandwirt damit noch jedes Jahr. An diesem heißen Sommertag ist es Hafer.
Dabei könnte er es längst komfortabler haben. Inzwischen steht ein neuerer Mähdrescher zur Verfügung – mit geschlossener Kabine und Klimaanlage. Bei 30 Grad Außentemperatur und dem Staub, der über den offenen Fahrerstand hinwegzieht, ist der Unterschied gewaltig. Trotzdem steigt der 60-Jährige noch immer gerne auf seinen alten FAHR. Schließlich begann seine Geschichte mit diesem Mähdrescher schon als kleiner Junge neben seinem Vater.
Der andere steht im Museum
Wie selten der M 1200 inzwischen geworden ist, beschreibt sein Besitzer mit einer bemerkenswerten Zahl. Nach seiner Kenntnis gibt es in Deutschland nur noch zwei Maschinen dieses Typs. Eine davon stehe in einem Museum. Die andere fährt noch – auf den Getreidefeldern rund um Boffzen.
Ob tatsächlich nur zwei Exemplare erhalten geblieben sind, lässt sich bislang nicht unabhängig bestätigen. Doch ein FAHR M 1200, der heute noch regelmäßig Getreide drischt, ist zweifellos eine Seltenheit.
Andere historische Landmaschinen verbringen ihren Ruhestand restauriert in Museen oder werden auf Oldtimertreffen präsentiert. Dieser FAHR darf weiterhin das machen, wofür ihn seine Konstrukteure einst gebaut haben: Er muss arbeiten.
Am Nachmittag steht die Sonne noch immer hoch über dem Feld. Der Deutz-Sechszylinder arbeitet unter Last. Vorne dreht sich die Haspel, hinten bleibt das Stroh zurück. Am Feldrand wendet der Mähdrescher und setzt zur nächsten Bahn an.
Wieder verschwindet der alte FAHR im Hafer. Eine Staubwolke steigt hinter ihm auf und zieht über den offenen Fahrerstand.
So wie damals, als dort noch ein kleiner Junge neben seinem Vater saß.








